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Achilles und der Igel

 

Achilles war der schnellste Läufer im alten Griechenland. Er hatte schon viele Ölzweige bei den Olympischen Spielen gewonnen. Eines Tages aber forderte ihn der Igel zu einem Wettkampf heraus.

„Du jämmerlicher Zwerg willst mich besiegen?“, lachte Achilles. „Wart’s ab“, erwiderte der Igel.

 

Der Igel tat, was Igel immer tun, wenn sie gegen Schnellere gewinnen wollen. Er verabredete sich mit einem zweiten Igel. Er ließ Achilles laufen, doch am Ziel tauchte der zweite Igel auf. Achilles aber war beim Denken nicht so schnell wie beim Laufen und fiel darauf herein. So erntete der Igel vor aller Augen die Siegesprämie, für Achilles blieb nichts als Spott.

 

Niedergeschlagen ging er zum weisen Aenon und fragte um Rat. „Du bist aber auch ein Trottel“, sprach Aenon und erklärte ihm den Trick. „Wenn du losläufst, sieht das der zweite Igel und taucht aus seinem Versteck auf. Um gegen den zu gewinnen, müsstest du schneller sein als das Licht.“

„Das Licht?“, fragte Achilles verständnislos. „Ja, schneller als das Licht. Es braucht ein bisschen, um vom Start zum zweiten Igel zu kommen. Erst dann weiß der zweite Igel, dass er dran ist. Sonst taucht er zu früh oder zu spät auf.“

Achilles hatte nicht ganz verstanden, aber weil er in seiner Sportlerehre gekränkt war, reagierte er sofort.

„Na gut, “ sprach er, dann bin ich beim nächsten Mal eben schneller als das Licht.“

Jetzt war Aenon verblüfft, und staunte gleich noch mehr, als Achilles fortfuhr: „Du weißt doch so viel. Kennst du eine Trainingsmethode dafür?“

Aenon wollte ihn zur Tür hinauswerfen, da kam ihm ein Gedanke.

„Ja“, erwiderte er lächelnd, „allerdings dürfte sie dir zunächst eher paradox erscheinen.“

„Jetzt wirf nicht mit Fachgriechisch herum“, warf Achilles ein. „Erklär’s mir!“

„Nimm als Trainingspartner eine Schildkröte.“

Nun war es wieder an Achilles, verblüfft zu sein.

„Aber gib ihr einen kleinen Vorsprung“, fügte Aenon hinzu.

Achilles stieg die Zornesröte ins Gesicht. Er nahm einen Stein vom Boden und schwenkte ihn drohend über den Weisen.

„Meinetwegen auch einen großen“, beschwichtigte Aenon.

Das beruhigte Achilles kaum. „Schneller als eine Schildkröte bin ich auch, wenn sie einen Vorsprung hat, so weit wie der Weg von Marathon bis Athen!“

„Ja doch. Entscheidend ist: Du wirst immer schneller, je näher du der Schildkröte kommst. Zuletzt bist du schneller als das Licht.“

„Du bist entweder verrückt oder genial!“, rief Achilles und ließ den Stein fallen.

„Ein Stein kann nicht schneller sein als das Licht“, versetzte Aenon, „du dagegen brauchst nur die Schildkröte einzuholen, dann schaffst du es. Pass auf: Für die Strecke von deinem Start in Marathon bis zum Start der Schildkröte in Athen – das ist Teilstrecke eins – brauchst du noch gut zwei Stunden.“

„Höchstens!“, prahlte Achilles.

„Inzwischen ist die Schildkröte ein bisschen weiter gekrochen. Das ist Teilstrecke zwei. Für die brauchst du natürlich nur noch ein paar Minuten.“

„Höchstens!“, prahlte Achilles weiter.

„Du machst eben richtig Tempo. Für die Teilstrecke drei brauchst du noch weniger Zeit. Und so weiter mit Numero vier, fünf, sechs, sieben. Immer weniger Zeit pro Strecke, das heißt für dich: immer höhere Geschwindigkeit, nicht wahr?“

„Immer weniger Zeit pro Strecke“, wiederholte Achilles nachdenklich. „Immer weniger Zeit pro Strecke.“ „Weniger Zeit pro Strecke, das ist schneller, das hat mein alter Fitnesstrainer auch immer gesagt. Immer weniger Zeit pro Strecke, das ist also immer schneller! Na klar!“

„Logisch. Solche Schlüsse sollte man einmal systematisieren“, sinnierte Aenon. „Und weil die Schildkröte ja immer noch ein kleines Stückchen Teilstrecke schafft, wirst du immer schneller, schließlich schneller als das Licht – also auch als der zweite Igel.“

„Unglaublich genial!“, begeisterte sich Achilles. „Und das ist wirklich wahr?“

„So wahr ich Kreter bin“, versicherte Aenon.

 

Achilles trat sogleich den Wettkampf mit der Schildkröte an. Indessen vergaß er vor Eifer, vorher genügend zu essen. Als großer Athlet holte er die Schildkröte dennoch kurz hinter Athen ein. Allerdings wurde ihm wenige Meter vorher schwindelig, schließlich schwarz vor Augen. „So ist das eben, wenn man das Licht überholt“, dachte er, „wenn man andere Läufer überholt, sieht man sie auch nicht mehr.“ Als er erschöpft nachließ und ihm die Sinne wieder klar wurden, drehte er sich um. Die Schildkröte hatte er weit hinter sich gelassen. Zufrieden kehrte er zurück und forderte den Igel zur Revanche heraus. Der war einverstanden, engagierte erneut den zweiten Igel und gewann seinen nächsten Ölzweig.

 

Bebend vor Wut schlug Achilles an Aenons Tür. „Du hast mir versichert, es sei unmöglich, dass ich verliere!“

„Ganz so habe ich das nicht gesagt. Du musst wissen, unmöglich ist kein kretisches Wort ...“ 

„Lügner seid ihr alle da unten!“

„Schrei nicht so. Das ist doch nicht nötig. Wir sind schließlich für unsere Selbstkritik bekannt ...“

„Nie wieder werde ich deinen Rat suchen. Künftig frage ich nur noch Zenon. Der ist viel weiser als du!“

Und Achilles stapfte davon.

 

„Dann lauf doch zu deinem Zenon“, rief ihm Aenon nach, „du wirst schon sehen, wie weit du bei dem kommen wirst …“       

 

 

Janosch Jandar  

 

 

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